Matrix Reverse

Dieterre:

[SCORE + ] Neugierig

[SCORE – ] Angst, Mann

Da lag er also auf seinem Bett. Irgendwie erschöpft von den Anforderungen des Tages. Während die neuesten Nachrichten zum Fortschreiten von Krieg und Energiekrise aus dem Radio nebenan an sein Ohr drangen, versuchte er sich auf die beiden Bilder an der Wand gegenüber zu konzentrieren. Vor langer Zeit hatte seine Mutter sie gemalt, im Rahmen eines Volkshochschulkurses für Freilichtmalerei. Und er versuchte sich vorzustellen, wie sie da gesessen haben musste, vielleicht mit anderen zusammen, mitten im Sommer an diesem Feldweg mit Blick auf die kleine Allee, die in die eine Richtung führte und mit der Perspektive auf ein allein stehendes Bauernhaus auf der anderen Seite. Er konnte plötzlich das Gras riechen und hörte das Summen der Insekten. Gut, vielleicht war alles ein bisschen zu grün und überhaupt, das war ja nur Kunst, oder? Diese sommerliche Welt schien ihm in jedem Fall weit entfernt, nicht nur weit in der Vergangenheit gelegen, sondern auch heute kaum noch zugänglich, zumindest nicht für ihn, der in der Hauptstadt der Union lebte, mit all den Bewegungseinschränkungen und strengen Auflagen beim Reisen. Am Wochenende die Stadtgrenze hinter sich zu lassen erforderte einigen Aufwand. Deshalb hatte er sich angewöhnt, stattdessen die neueste Oculus Quest aufzusetzen, ein Adventure Game auszuwählen und so wenigstens stundenweise seinen Alltag zu vergessen.

GAME OVER

Addicta:

[SCORE + ] Fantasie, Intuition

[SCORE – ] Panikattacken, Tablettenabhängigkeit, Coffein- und Nikotinsucht

Als sie an sich hinunter zu ihren Füßen blickte, sah sie spärlich beleuchtet nichts als einen Haufen Geröll – eher eine Art Abfall aus Kiesel- und Betongries als eine Ansammlung von natürlichem Stein. Auf dem feuchten Grund konnte sie ihren eigenen Schatten erkennen. Das Licht fiel offenbar aus großer Höhe herab und sie fand sich in einem engen Raum wieder, der von rohen Wänden begrenzt wurde. Die Blasen in der grauen Oberfläche ließen auf eine Schalung aus Beton schließen, ein grünlicher Rest von blätterndem Putz führte ihren Blick in die Höhe, wo eine kleine Öffnung zum Himmel wies. Wie war sie nur hier unten angekommen? Und wie würde sie wieder herausfinden? Panik erfasste sie. Und tatsächlich hätte die Todesangst sie hinweggerissen, wäre da nicht ein zartes Grün an der Wand zu erkennen gewesen, so eine kleine Wucherung von Leben, die sich aus dem Sand des Zementputzes heraus mit fragilen Blättchen nach oben streckte …

Schwer atmend wachte sie auf. Ihr Puls raste. Die App zeigte nicht nur eine erhöhte Frequenz, sondern auch Rhythmusstörungen des gesamten Lebensorgans. Sie griff in die Onyxschale neben ihrem Bett und nahm zwei Tavor ein. Die Symptome beruhigten sich wieder und sie erhob sich mit schweren Gliedern. Während sie sich an der Versorgungsinsel eine Zigarette anzündete, wischte sie über den Sensor der Espressomaschine. Sofort sprudelte das Getränk in die Tasse. Mit hastigen Zügen sog sie den Rauch in ihre Lungen und nippte am Kaffee. Das Fenster zur Straße ließ sich nur einen Spalt öffnen, gerade genug um den Qualm langsam aus der Nase wieder hinaus ins Freie zu blasen. Von draußen drang ein ohrenbetäubender Lärm.

Dieterre:

D. kam immer wieder auf diese Bilder zurück, die in einer unwirklichen Zeit und einem unwirklichen Raum eingefroren waren und aus der Vergangenheit auftauchten. Und doch… Sie ließen ihn sich vorstellen, wie es vor der Katastrophe gewesen sein könnte, vor dieser virtuellen Metawelt, die Seine Wirklichkeit geworden war. Vor allem aber ließen sie ihn nach dem Realen suchen, das außerhalb der App existierte und das er lernte zu sehen, zu spüren und in jedem Stückchen, das ihn umgab, zu entdecken. Auf diese Weise leistete er Widerstand gegen die andere Realität, die Metawelt, in der er lebte.

„Das wirkliche Universum ist immer einen Schritt jenseits der Logik“ Dune 2

Orga:

[SCORE + ] unbekannt

[SCORE – ] undefinierter Organismus, Ubiquitysymptome, unkontrollierbar

Oh ja, in weiter Ferne sehe ich mich selbst, wie ich mich auflehne, in einer dem Untergang geweihten Kultur … Eben noch lag ich mit geschlossenen Augen und geborgen inmitten der warmen Leiber, die sich auf dem Boden zu einem lebendigen Knäuel geordnet hatten, still geerdet und andächtig, um anschließend auf dem großen Platz zu tanzen, ausgelassen und voller Lebensfreude. Dann zoomte ich mich heraus und konnte alles aus großer Distanz betrachten. Die ganzen kleinlichen Ränke und rücksichtslosen Trampeleien. Eine große Sprachverwirrung und orientierungslose Geschäftigkeit. Die unaufhaltsame Zersetzung und das wahnhafte Einschwören auf einen gemeinsamen Kult …

Addicta:

Der Mond war groß und rot und er schien ein wenig zu vibrieren. Aus seinem unregelmäßigen Umriss trat eine Aura hervor wie eine dicke Flüssigkeit, die das gesamte All rot glühen ließ. Das Licht einer gigantischen Sonne beleuchtete die Mondkugel und ließ ihre zerfurchte Oberfläche hervortreten. Täler und Erhebungen gipfelten in einem porösen Kraterauge, das immer näher herankam und Addicta gewissermaßen ansaugte, bis sie glaubte die Hände danach austrecken zu können. In leichter Panik griff sie nach einem großen Messer, setzte die Klinge exakt auf die Mitte der bedrohlichen Iris und führte dann waagrecht einen scharfen Schnitt. Sie hatte erwartet, dass der Glaskörper unmittelbar durchtrennt und sein Inneres herausquellen würde um mit seinem Blut alles zu überschwemmen. Aber das Ding leistete unerwarteten Widerstand, ja, es war überraschend hart und sie musste ihr ganzes Körpergewicht einsetzen, um es in kleine Stücke zu zerschlagen und endlich in den Kochtopf zu werfen.