Fehler

Über Versuch und Irrtum in der Hochschule

Fehler: In der Schule werden sie rot angestrichen und im Leben muss man sie teuer bezahlen, so sagt man. Gute Erziehung bringt uns bei sie zu vermeiden und immer alles richtig zu machen. Das garantiert Erfolg und reibungsloses Funktionieren. Jedenfalls, wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommt.

Die einen versprechen sich Erfolg, weil sie einschlägige Aufgaben bisher zur allgemeinen Zufriedenheit erfüllt haben, die anderen ahnen, dss es noch etwas anderes geben muss als das Fehlerlose: Immer wieder fühlt sich ein Teil der Zwanzigjährigen zu einem gestaltungsorientierten Studium hingezogen. Schließlich finden sie sich in einem Zeichenkurs des ersten Semesters wieder, vor einem weißen Blatt Papier. Und da taucht sie auf – die Angst vor dem Fehler. Die Generation Computer, die immer einen Finger an der Z-Taste hat und mit „undo“ jede Entscheidung auf dem Screen korrigieren kann, blickt verunsichert auf die Leere des Papiers. Was ist denn jetzt richtig? Bevor die Blockade so richtig greifen kann, hilft eine Lektion im Blindzeichnen. Man konzentriert sich auf das Motiv vor einem und lässt die Hand mit dem Stift mal machen, ohne aufs Blatt zu schauen. Für einen kurzen Moment ist die Kopfkontrolle ausgeschaltet. Es sentstehen lustige, eher „falsche“, aber manchmal erstaunlich treffsichere und immer sehr lockere Zeichnungen. Oder man zeichnet mit der „falschen“ Hand und aktiviert so die andere – emotionsorientierte – Gehirnhälfte. Die Zeichnungen wirken zunächst etwas krakelig, aber spontan und unverkrampft.

Alle Routine ist verschwunden

Und trotzdem stellen sich unerwartet gute Ergebnisse ein. Das gibt Mut und zeigt, dass „Fehler“ beim Zeichnen ein relativer Begriff ist. Dass es andere Kriterien gibt als etwas „richtig“ abzubilden. Dass es nicht nur um eine richtige Lösung geht, sondern um viele individuelle Perpektiven und Möglichkeiten. Dass auch zupackende Intuition, Spontaneität und Improvisation gefragt sind, um das Wesentliche wiederzugeben und das Unwesentliche wegzulassen. Das entlastet natürlich nicht vom Übern und Erlernen handwerklicher Techniken. Improvisieren kann nur, wer etwas kann.

Wie beim Zeichnen aber exemplarisch erfahren wird, beruht Kreativität auch auf dem Vertrauen, sich auf einen Prozess einzulassen ohne zu wissen, was dabei herauskommt. Kein Terrain für Kontrollfreaks. Wer sich immer nur auf das zurückzieht, was er bereits gut kann, wird nichts Neues finden. Das Bewusstsein muss um Möglichkeiten erweitert werden, die anders sind als das Bekannte. Zufallspraktiken können hier zum wichtigen Stimulans werden, denn der Zufall befördert den kreativen Einfall. Der Fehler setzt Assoziationen frei, wird zum Trigger für neue Sichtweisen und Sinnzusammenhänge oder führt durch die entsprechende Überarbeitung erst zu dem originellen Ergebnis, dessen Enstehung man sich später kaum erklären kann. Dabei überbrückt die Fantasie die Lücke zwischen Passendem und Unpassendem. Eine „falsche“ Wiedergabe des Augenscheinichen in Form einer Übertreibung kann beispielsweise für eine Illustration überraschenden Mehrwert erzeugen und die „wahren“ Gegebenheiten erst „richtig“ sichtbar machen. Der Regelbruch befördert sozusagen die spielerische Theoriebildung. Diese Erfahrung kann süchtig machen und die Aussicht, etwas Unerwartetes zu finden, etwas Überraschendes zu entdecken, wird zur mächtigen Triebfeder für die eigene Gestaltung.

Da die kreativen Denkprozesse weitgehend unbewusst ablaufen, lässt sich Kreativität nicht herbeiführen. Man kann nur die Bedingungen dafür schaffen – vor allem eine Atmosphäre des Vertrauenes, in der auch Fehler gemacht, provoziert und genutzt werden dürfen. Denn Neues kann ohne Fehler nicht entstehen. Studierende brauchen Zeit und noch mal Zeit, um die eigene Urteilskraft zu entwickeln, aus Fehlern zu lernen oder Fehler bewusst herbeizuführen, um Regeln und Konventionen ideenreich außer Kraft zu setzen. Zeit, die unter den Bedingungen des Bachelor-Studiums an der Hochschule immer knapper wird. Ganze Jahrgänge werden durch verschulte Studiengänge gehetzt, die wenig Spielraum für Selbstständigkeit und Experiment lassen, vielmehr zunehmend ergebnisorientierte Effizienz verlangen. Kleinteilige Taktung von Inhalten und Zerstückelung von Sinnzusammenhängen gipfeln neuerdings in permanenten Leistungskontrollen. Studiengebühren signalisieren jetzt auch Studierenden, dass Zeit Geld ist, dass Fehler Schwäche, Scheitern und Zeitverlust bedeuten.. So führt der heimliche Lehrplan – das Lernen mit und in der Institution – oft zu einer Haltung, die der Kreativität entgegengesetzt ist. Unter Dauerstress können nur die Wenigsten kreativ sein. Die Angst vor Fehlern und Versagen bewirkt den Rückzug auf bewährte Denkmuster und das Erlahmen der Experimentierfreudigkeit. Richtig ist dann nur noch, was die Professoren gut finden. Der Verstand kann eine so starke Kontrollinstanz sein, dass er die Menschen unpoetisch und fantasielos macht, sagt der Komponist John Cage. Der Zensor im Kopf sucht das geringste Risiko. Bloß keine Umwege und keine Aussetzer! Dabei sind es erwiesenermaßen gerade die Phasen des Loslassens, die Pausen, die neue Einfälle befördern.

Und Erfindungsgabe steht derzeit hoch im Kurs – auch außerhalb der gestalterischen Fächer. 2009 wurde zum Europäischen Jahr der Kreativität und Innovation ausgerufen. Mit diesen Schlagwörtern wird für alles geworben, was gesellschaftliche Erneuerung und wirtschaftlichen Wandel verspricht. Neue Produkte, neue Märkte, neue Verfahren, neue Werbeslogans etc. Mitten in der schwersten Wirtschaftskrise wird Kreativität bemüht um Reparatur zu leisten, Schaden zu begrenzen, neues Wachstum zu schaffen. Man möchte diese Fähigkeit verfügbar, kontrollierbar, abrufbar machen. Und so wird geforscht, wie kreative Prozesse berechnet, beherrscht und wirtschaftlich verwertet werden können. Als Kreativitäts-Techniken eben. Kreativität als Standortfaktor. Das mag erklären, warum die aktuelle Hochschulreform auch als Wunsch nach Steuerung und Kontrolle daher kommt, als Verlängerung einer Fehlerkultur, die vor allem Kostenreduktion anstrebt und Fehler unter allen Umständen vermeiden will – durch strikte Regeln, straffe Organisation und Absicherung durch Standards. Allerdings funktionieren Pläne, auch Studienpläne, in der Praxis selten, gerade wenn sich die Bedingungen ständig ändern. Noch immer kann man den Kreativitätsquotienten von Individuen nicht messen. Fantasie und Gestaltungskraft sind äußerst individuell und nicht normierbar. Das „richtige“ Leben steckt voller Zufälle und unkalkulierbaren Risiken.

Das beste Training dafür besteht in einem Studium, das zeitliche und räumliche Freiräuem für Kreativität schafft: Der Mut zum Experiment entfaltet sich am besten freiwillig, zum Spaß, nach eigenen Regeln, mit offenem Ablauf und ungewissem Ausgang. Spielerisches Lernen schließt auch Fehlschlag und Misslingen ein.

Pochen auf den Zufall bedeutet auch Protest

Um ein Gespür für offene Fragen zu entwickeln, darf man sich nicht zufrieden geben mit dem was ist, müssen vermeintliche Gewissheiten in Zweifel gezogen, Irrtümer in Kauf genommen werden. Natürlich entsteht Gestaltung nicht per Zufall. Ebensowenig wie der Zufall aus sich heraus Gestaltung produzieren kann. Aber das unbewusste Produzieren des Zufalls, das willkürliche Einbeziehen von Unwillkürlichem in den gestalterischen Prozess – der Zufall als Prinzip – kann die Angst vor dem Fehler überwinden und zu ungeahnten Entdeckungen führen. Gerade die Einbeziehung des Unerwarteten, Unplanbaren, Unvorhersehbaren öffnet das Studium für das Leben. Pochen auf den Zufall bedeutet auch Protest, sagt der Wissenschaftler Hans Meyer. In einer verplanten, nach Kosten-Nutzen kontrollierten Welt erscheint das kreative Spiel mit Fehler und Zufall als zu verteidigendes Privileg.

Dieser Beitrag erschien erstmals im Botenstoff Magazin III (Zufall) der Hochschule Niederrhein, designkrefeld 2009